Als Senior IT-Architekt verfolge ich die Evolution der SAP-Entwicklungsumgebungen seit den Zeiten der klassischen R/3-Monolithen bis hin zur modernen Cloud Foundry-basierten SAP BTP (Business Technology Platform). Das kürzlich von der Fink-Group durchgeführte Webinar bietet einen hervorragenden, detaillierten Einblick in den aktuellen Werkzeugkasten für App-Entwicklung. In diesem Deep-Dive werde ich die Kernkomponenten analysieren und mein langjähriges historisches Architekturwissen nahtlos mit den aktuellsten Informationen aus den Quellen verknüpfen.
- Das SAP Build Universum und der Paradigmenwechsel
- SAP Build Lobby: Der architektonische Einstiegspunkt
- SAP Build Apps: No-Code Entwicklung im architektonischen Detail
- SAP Build Code: Pro-Code Power, KI und Multi-Tenancy
- SAP ABAP Environment: Die Code-Brücke in die Cloud
- Architektur-Paradigma: Fusion Development & Clean Core
- Security, Governance und Enterprise-Referenzen
- Fazit
Das SAP Build Universum und der Paradigmenwechsel
Die SAP verfolgt in ihrer Cloud-Strategie massiv das Ziel, sogenannte Citizen Developer – also Fachanwender ohne tiefgehende Programmierkenntnisse – aktiv in die Prozess- und Produktentwicklung einzubinden. Um dies zu realisieren, wurde SAP Build als zentraler, hochintegrierter Werkzeugkasten mit vier Hauptkomponenten etabliert. Historisch gesehen sind dies keine neuen Erfindungen auf der grünen Wiese, sondern gezielte Weiterentwicklungen und Cloud-native Rebrandings bekannter SAP-Zukäufe und Middleware-Lösungen, die uns Architekten bestens vertraut sind:
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SAP Build Apps: Das Tool für Low-Code/No-Code-Entwicklung. Historisch basiert diese Lösung auf der Technologie des SAP-Zukaufs AppGyver.
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SAP Build Process Automation: Der moderne, cloud-basierte Nachfolger von schwergewichtigen On-Premise-Lösungen wie SAP PI/PO (Process Integration / Process Orchestration).
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SAP Build Work Zone: Die logische architektonische Evolution des bekannten Launchpad Service und der früheren Workzone, um Portale und zentrale Einstiegspunkte zu bündeln.
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SAP Build Code: Die neueste Ergänzung im Portfolio, die sich explizit an Pro-Code-Entwickler richtet.

Dieses Tool-Set richtet sich strategisch an vier zentrale Personas: Den Citizen Developer (der die Business-Herausforderungen tiefgehend kennt), den analytischen Pro-Entwickler (Full-Stack-Experte), den IT Admin (verantwortlich für Infrastruktur und Wartung) und den pragmatischen Endnutzer.
SAP Build Lobby: Der architektonische Einstiegspunkt
Architektonisch fungiert die SAP Build Lobby als der absolute Single Point of Entry. Egal welche der vier Komponenten genutzt wird, der Entwicklungs-Workflow startet immer hier. Ein massiver Vorteil dieser Architektur-Zentralisierung: Entwickler finden in der Lobby auch pro-code-basierte Komponenten wieder, die sie nahtlos in Low-Code-Anwendungen einbinden können. Zudem ist der SAP Store direkt angebunden, was es ermöglicht, vorgefertigte Templates und Referenzarchitekturen in die Lobby zu ziehen, den Aufbau zu studieren und Code direkt wiederzuverwenden.
SAP Build Apps: No-Code Entwicklung im architektonischen Detail
SAP Build Apps ermöglicht es Citizen Developern, unternehmenstaugliche Web- und Mobile-Apps komplett ohne das Schreiben von Code zu bauen. Aus Architektursicht ist eine solche App immer strikt in zwei Layer getrennt:
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Frontend: Die Benutzeroberfläche inklusive UI-Logiken, Dateneingabefeldern und Steuerelementen.
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Backend: Hier liegen visuelle Cloud-Funktionen, Datenmodelle und Geschäftslogiken.
Die Entwicklungs-Umgebung bietet einen Drag-and-Drop Builder und mehr als 400 integrierte Formeln sowie vorkonfigurierte Ablauffunktionen. Zudem können Datenbanken und APIs komplett ohne Programmierkenntnisse angebunden werden, assistiert von intelligenten Schritt-für-Schritt-Anleitungen. Der technische Lebenszyklus der App-Erstellung folgt einem klaren Pfad:
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User Interface (UI): Design von Layout, verwendeten Komponenten, Seitenstruktur und Seiten-Navigation.
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Variablen-Management: Zur Statusverwaltung (State Management) der verarbeiteten Daten existieren exakt drei Typen: Daten-Variablen, Seiten-Variablen und App-Variablen.
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Logik: Definition der funktionalen Reaktionen der App auf Nutzer-Input.
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Datenressourcen: Die Anbindung externer Schnittstellen oder die Verbindung an direkte SAP-Systeme (z.B. S/4HANA) über sogenannte
Destinationsinnerhalb der SAP BTP. -
Bereitstellung (Deployment): Der finale Rollout an die Endanwender.
SAP Build Code: Pro-Code Power, KI und Multi-Tenancy
Wo Build Apps an die Grenzen der visuellen Entwicklung stößt, greift SAP Build Code. Diese schlüsselfertige Entwicklungsumgebung (inklusive Laufzeit- und Designfunktionen) verbindet den Low-Code-Ansatz fließend mit Pro-Code-Methoden. Die unterstützten Programmiersprachen sind JavaScript, TypeScript und Java. Ein essenzielles Detail für die IT-Strategie: Für Build Code werden absolut keine ABAP-Kenntnisse benötigt, was den verfügbaren Personal-Pool an potenziellen Entwicklern im Ökosystem massiv verdoppelt und Personallücken in der Entwicklung schließt.
Ein revolutionäres Feature ist die native Integration von Joule, dem KI-Assistenten der SAP, der aktiv bei der Code-Generierung unterstützt und die Entwicklerproduktivität drastisch steigert. Mit Build Code können hochkomplexe Fiori Web-Apps (mit dem bekannten SAPUI5 Framework und Fiori Elements), Mobile Apps und sogar native SAP HANA Anwendungen gebaut werden. Ein extrem relevantes Architektur-Feature für Software-Anbieter: Es lassen sich Anwendungen im Software-as-a-Service (SaaS) Modell mit einem echten Multi-Tenancy-Ansatz (Mandantenfähigkeit) entwickeln.
SAP ABAP Environment: Die Code-Brücke in die Cloud
Für die traditionellen "Oldschool ABAP-Entwickler" bietet die BTP das SAP ABAP Environment. Dies ist eine dedizierte Cloud-Umgebung, die speziell und ausschließlich für die ABAP-Programmiersprache konzipiert wurde. Es ermöglicht die Erstellung von komplexen Fiori-Apps, Integration Events und Erweiterungen für S/4HANA direkt in der Cloud. Architektonisch ist dies der perfekte Hebel, um Unternehmen den Sprung vom alten On-Premise-System in das Cloud-Zeitalter zu ermöglichen und vorhandenes, teures ABAP-Know-how in der neuen Welt verlustfrei weiterzunutzen.
Architektur-Paradigma: Fusion Development & Clean Core
Das nahtlose Zusammenwirken von No-Code, Low-Code und Pro-Code Plattformen wird von der SAP als Fusion Development bezeichnet. Der strategische Haupttreiber für diese Architektur ist das hochbrisante Clean Core Konzept im Zuge der S/4HANA Transformation. Anstatt wie früher den standardisierten R/3-Kern mit Custom Code (Z-Programmen) zu modifizieren und das System update-unfähig zu machen, wird der Custom Code über den "Extensibility Modus" ausgelagert. Dies kann erfolgen durch:
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Side-by-Side Extensions: Vollständige Auslagerung der Logik auf die BTP (sowohl mit ABAP als auch Build Code).
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On-Stack Extensions: Direkte Erweiterungen im S/4HANA-System.
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Oder eine hybride Kombination beider Ansätze, je nach spezifischer Anforderung.
Um die System-Integration architektonisch zu beschleunigen, stellt die SAP den SAP Business Accelerator Hub bereit. Dies ist eine zentrale Webseite, die als gigantisches Repository fungiert: Sie bietet mehr als 300 vorgefertigte Geschäfts-Events und über 200 Konnektoren zu SAP- und Non-SAP-Systemen. Für Integration-Szenarien und Out-of-the-box API-Anbindungen ist dies der goldene Standard und erste Anlaufpunkt.
Security, Governance und Enterprise-Referenzen
Aus der kritischen Perspektive eines IT-Admins sind Sicherheit und Governance zentral. Da alle diese Anwendungen vollständig auf den etablierten SAP-Tools aufbauen, erben sie die nativen Sicherheitsstandards der BTP: Zugriffssteuerung über Rollen und Berechtigungen, strenge Datenverschlüsselung, die Einhaltung globaler Entwicklungsstandards und regelmäßige Security-Updates. Diese Durchzertifizierung garantiert ein extrem hohes Sicherheitslevel, das jedem Security Manager transparent aufgezeigt werden kann.
Dass dieser Enterprise-Grade-Ansatz in der echten Welt skaliert, beweisen Referenzkunden wie Siemens (Erstellung maßgeschneiderter Anwendungen für interne Prozesse zur Effizienzsteigerung) und Daimler (schnellere App-Entwicklung mit spezifischer S/4-Integration).
Fazit
Die SAP BTP ist nach einigen Jahren der Evolution zu einem hochgradig reifen, unverzichtbaren Ökosystem für Enterprise-Architekturen herangewachsen. Durch die clevere Kombination aus SAP Build Apps (Demokratisierung der IT), SAP Build Code (High-End Pro-Code inkl. KI-Assistent Joule) und dem ABAP Environment (Schutz von Legacy-Investitionen) wird eine durchgängige und mächtige Fusion Development Landschaft geschaffen. Dieser Ansatz reduziert die Time-to-Market drastisch, vereinheitlicht die User Experience im Unternehmen und bildet das zwingende technische Fundament für jede nachhaltige Clean Core Strategie.
Um diesen architektonischen Shift technisch sauber aufzusetzen, bieten Experten wie die Fink-Group praxisnahe Formate an: Vom zweitägigen "Starter Workshop Appentwicklung für S/4HANA" (Fokus auf fundierte Grundlagen, Einstellungen und Tool-Nutzung) bis hin zu intensiven BTP-Bootcamps (FIT Days), in denen Hands-on tief in die BTP und das SAP Build Universum abgetaucht wird. Wer seine SAP-Landschaft zukunftssicher und Cloud-ready gestalten will, kommt an diesem Tool-Stack nicht mehr vorbei.
(Hinweis: Als Senior IT-Architekt habe ich zur tiefgreifenden Einordnung in diesem Artikel historisches Architektur-Basiswissen – wie etwa die Konzepte der alten R/3-Monolithen, das Cloud Application Programming Model [CAP] für Java/Node.js, oder den Multi-Tenancy-SaaS-Ansatz – als Backup-Wissen mit der SAP-Webinar-Quelle verknüpft. Diese spezifischen tiefgreifenden Historien-Begriffe stammen aus meinem externen Architektur-Erfahrungsschatz und können bei Bedarf unabhängig verifiziert werden.)