Willkommen zurück am Architektur-Reißbrett! Mitte 2024 ist die Tinte unter der LeanIX-Übernahme durch SAP endgültig getrocknet und die strategische Integration läuft auf Hochtouren. Viele fragten sich anfangs: Wozu braucht SAP nach Signavio noch ein weiteres Architektur-Tool? Die Antwort liegt in der massivsten Herausforderung unserer Zeit: Der harten, messbaren Durchsetzung der Clean Core-Strategie bei S/4HANA-Transformationen.
Als Enterprise Architect werfe ich heute einen ungeschönten Blick auf das Architektur-Dreieck der SAP, das LeanIX-Metamodell und die Frage, wie wir technische Schulden (Z-Code) aus dem ERP-Keller endlich auf C-Level-Dashboards transparent machen.

Das Architektur-Dreieck: Signavio + LeanIX + Cloud ALM
Um die Daseinsberechtigung von LeanIX im SAP-Ökosystem zu verstehen, müssen wir die Landschaftskarte neu zeichnen. Lange Zeit agierten Business und IT in völligen Silos.
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SAP Signavio (Business Process Management): Definiert das Was und Wie. Hier werden Wertschöpfungsketten (Order-to-Cash), BPMN-Diagramme und Process Mining (Welcher Prozess läuft in der Realität aus dem Ruder?) abgebildet.
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SAP Cloud ALM (Application Lifecycle Management): Definiert das Machen. Hier liegen die agilen Sprints, die Transportaufträge, das Test-Management und das Monitoring der laufenden Systeme.
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LeanIX (Enterprise Architecture Management): Das war das fehlende Puzzleteil. LeanIX definiert das Womit. Es mappt die Business Capabilities aus Signavio exakt auf die darunterliegende IT-Landschaft (welches SAP-System, welche BTP-App, welcher externe SaaS-Dienst unterstützt diesen Prozess?).
Deep-Dive: Das LeanIX Meta-Modell (Fact Sheets)
Die Brillanz von LeanIX liegt in seinem hochgradig standardisierten, aber flexiblen Meta-Modell, das auf sogenannten Fact Sheets basiert. Anstatt Visio-Diagramme zu zeichnen, pflegen Architekten datenbankgestützte Objekte, die über Relationen verknüpft sind.
Die wichtigsten architektonischen Layer für uns:
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Business Capability: (z.B. "Invoice Management"). Wird idealerweise bidirektional mit Signavio synchronisiert.
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Application: (z.B. "S/4HANA Finance" oder "BTP Custom App - Rechnungssplitter").
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IT Component: (z.B. "HANA Database 2.0 SPS07", "Node.js Laufzeit").
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Provider / Tech Category: Um Vendor-Lock-ins oder End-of-Life (EOL) Zyklen zu steuern.
Wenn die SAP nun ankündigt, dass der Mainstream-Support für ein NetWeaver 7.5 System ausläuft, zeigt LeanIX über Abhängigkeitsgraphen in Millisekunden, welche Business Capabilities und Fachbereiche davon direkt betroffen sind. Die Zeiten von "Wir suchen die betroffenen Systeme in einer veralteten Excel-Liste" sind vorbei.
Clean Core messbar machen: Die API-Integration
Der "Clean Core" ist das Mantra jeder S/4HANA Cloud (PCE oder Public) Implementierung. Keine Modifikationen im Core, Verlagerung von Z-Code auf die SAP BTP (Side-by-Side Extensibility) oder Nutzung von Key User Extensibility.
Das Problem: Wie beweist der IT-Leiter dem CIO, dass das System wirklich "clean" wird? Hier fungiert LeanIX als Single Source of Truth, indem wir es über seine mächtige GraphQL API füttern.
Ein architektonischer Best-Practice-Ansatz (Mitte 2024):
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Custom Code Scan: Das SAP ABAP Test Cockpit (ATC) oder das Custom Code Migration App scannen das alte ECC-System auf Z-Programme, BAdIs und User Exits.
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Daten-Ingestion: Über eine Integrations-Pipeline (z.B. auf der BTP Integration Suite) werden diese Z-Entwicklungen als IT Components oder Applications in LeanIX via GraphQL
mutationangelegt und mit dem Tag "Technical Debt" versehen. -
Lifecycle-Steuerung: Im LeanIX-Dashboard bekommt jedes Z-Programm einen klaren Lebenszyklus (TIME-Modell):
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Tolerate (Darf vorerst bleiben)
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Invest (Wird auf BTP Cloud Application Programming Model umgebaut)
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Migrate (Wird durch SAP S/4 Standard-Fiori-App ersetzt)
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Eliminate (Wird komplett gelöscht).
Fazit für IT-Architekten
Die Übernahme von LeanIX ist ein genialer Schachzug der SAP. Sie zwingt Unternehmen dazu, ihre S/4HANA-Transformation nicht mehr als reines "Basis-Infrastruktur-Projekt" (Brownfield/Lift-and-Shift) zu betrachten, sondern als architektonische Neugeburt.
Für uns als SAP Consultants und Basis-Administratoren bedeutet das eine Evolution unseres Berufsbildes. Das reine Verwalten von Transportaufträgen (STMS) und Datenbank-Parametern reicht nicht mehr aus. Die Zukunft gehört den Enterprise Architects, die den Code-Lifecycle steuern, BTP-Microservices in LeanIX inventarisieren und die Brücke zwischen dem Signavio-BPMN-Modell und der physischen HANA-Datenbank schlagen. LeanIX macht den abstrakten "Clean Core" endlich greifbar und messbar – und entlarvt gnadenlos jeden architektonischen Wildwuchs.