Willkommen zurück, Architektur-Kollegen! Ende Januar 2021 hat die SAP mit einem gewaltigen Paukenschlag ihr neues strategisches Kernangebot vorgestellt: RISE with SAP. Die Marketing-Slogans überschlagen sich mit Begriffen wie "Business Transformation as a Service" (BTaaS) und "One Offer, One Contract". Doch was bedeutet dieses Konstrukt abseits der Hochglanzpräsentationen für uns IT-Architekten und SAP-Basis-Administratoren? Ist es nur eine kommerzielle Bündelung von Lizenzen oder ein echter architektonischer Paradigmenwechsel?
In diesem Deep-Dive sezieren wir die technischen und operativen Konsequenzen von RISE with SAP. Wir werfen einen ungeschönten Blick auf das neue Cloud-Betriebsmodell, die Systemlandschaften und die massive Verschiebung von Verantwortlichkeiten im IT-Betrieb.

Der Kern von RISE: Die Entbündelung der On-Premise-Fesseln
Historisch gesehen war der Kauf von SAP-Software ein hochgradig fragmentierter Prozess: Unternehmen kauften Lizenzen bei der SAP, Hardware bei IBM oder HP, Datenbanklizenzen bei Oracle und ließen den Betrieb von Systemhäusern übernehmen.
RISE with SAP beendet diese Fragmentierung durch einen Single-Vendor-Ansatz. Ein einziger Vertrag (Subscription) umfasst:
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SAP S/4HANA Cloud (Public oder Private Edition)
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Infrastruktur-Hosting (IaaS) bei einem Hyperscaler (AWS, Azure, GCP), gemanagt durch SAP
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Business Process Intelligence (SAP Signavio)
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Cloud Credits für die SAP Business Technology Platform (BTP)
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Zugang zum SAP Business Network (Ariba)
Der Architektur-Shift: Private Cloud vs. Public Cloud Edition
Für die technische Systemarchitektur ist die Wahl der S/4HANA-Edition der entscheidende Knotenpunkt in RISE. SAP positioniert hier zwei drastisch unterschiedliche Cloud-Architekturen:
1. SAP S/4HANA Cloud, Public Edition
Dies ist die radikale "Greenfield"-Lösung. Ein echtes SaaS-Modell (Software as a Service) mit mandantenfähiger Architektur (Multi-Tenancy).
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Architektur-Impact: Modifikationen im SAP-Standard (der klassische Z-Namensraum) sind hier technisch verboten. Es herrscht der absolute Clean Core Ansatz.
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Erweiterbarkeit: Entwickler müssen zwingend auf In-App Extensibility (Key-User-Tools) oder Side-by-Side Extensibility (via API auf der SAP BTP) ausweichen.
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Zielgruppe: Unternehmen, die bereit sind, ihre Prozesse zu 100 % an den SAP-Standard (Best Practices) anzupassen.
2. SAP S/4HANA Cloud, Private Edition (PCE)
Dies ist der architektonische "Retter" für die meisten Bestandskunden und der primäre Treiber von RISE.
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Architektur-Impact: Die PCE ist im Kern eine dedizierte On-Premise-Code-Line, die von SAP auf einem Hyperscaler gehostet wird. Das bedeutet: System Conversions (Brownfield-Ansatz) von alten ECC 6.0 Systemen sind hier vollständig möglich.
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Erweiterbarkeit: Kunden behalten den vollen Zugriff auf die Transaktion
S-PRO, das SAP GUI und dürfen weiterhin im Z-Namensraum programmieren. SAP empfiehlt zwar Clean Core, erzwingt ihn technisch auf dieser Ebene aber nicht.
Das Shared Responsibility Model: Das Ende des klassischen Basis-Admins?
Die massivste architektonische Auswirkung von RISE betrifft den IT-Betrieb. Mit dem Wechsel in die Private Cloud Edition (PCE) greift ein rigides Shared Responsibility (RACI) Modell zwischen SAP und dem Kunden.
SAP übernimmt (als Managed Service Provider) die Rolle des Infrastruktur- und Basis-Administrators bis zur Betriebssystem- und Datenbank-Schicht:
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Hardware-Provisionierung & Sizing (via Hyperscaler)
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High Availability (HA) & Disaster Recovery (DR) Setups (z. B. Pacemaker Cluster, HANA System Replication)
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Backups & Restores (mittels Cloud-nativer Backint-APIs)
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OS- und DB-Patching (Linux-Kernel, HANA-Revisions)
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SAP Kernel Updates
Was bleibt für die Inhouse-IT? Die Transformation vom Basis-Admin zum Cloud & Integration Architect. Der Kunde verantwortet weiterhin:
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Transportmanagement (Transport Organizer, ChaRM)
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Berechtigungskonzepte (PFCG, Fiori-Rollen)
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Drucker-Konfigurationen und Spool-Management
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Custom-Code-Analyse und Performance-Tuning
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Schnittstellen-Architektur (SAP Cloud Connector, Integration Suite)
Die Rolle von Signavio und der SAP BTP in RISE
SAP hat erkannt, dass eine reine "Lift and Shift"-Migration von ECC in die Cloud (das bloße Verschieben virtueller Maschinen) keinen Business-Mehrwert bringt. Daher integriert RISE zwingend zwei wesentliche Werkzeuge in die Zielarchitektur:
1. Business Process Intelligence (SAP Signavio): Vor der Migration werden die Prozesse des Kunden über Process-Mining-Technologien gescannt. Signavio analysiert, welche Custom-Codes und Workflows im alten ERP tatsächlich genutzt werden, wo Bottlenecks liegen und welche Prozesse durch SAP-Standard-Best-Practices im neuen S/4HANA abgelöst werden können.
2. SAP Business Technology Platform (BTP): Da der "Clean Core" die strategische Vorgabe ist, liefert RISE sogenannte Cloud Platform Enterprise Agreement (CPEA) Credits mit. Diese zwingen Kunden quasi architektonisch dazu, die BTP aufzubauen. Veraltete On-Premise-Middleware (wie SAP PI/PO) muss durch die SAP Integration Suite ersetzt werden. Eigenentwicklungen wandern als Node.js/Java-Microservices in die Cloud Foundry oder Kyma-Laufzeitumgebung.
Kritik und architektonische Fallstricke
Trotz des brillanten Konzepts müssen wir als Architekten die Fallstricke von RISE 2021 klar benennen:
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Verlust der Infrastruktur-Kontrolle: Bei Performance-Problemen auf Datenbank-Ebene fehlt Inhouse-Admins oft der Root-Zugriff (z.B. auf den Linux-Host), um tiefgreifende Traces (wie
straceoder OS-Level-Debugging) durchzuführen. Jeder Eingriff erfordert ein Ticket beim SAP Enterprise Cloud Services (ECS) Team, was zu SLA-Latenzen führen kann. -
Hyperscaler Lock-In via SAP: Der Kunde sucht sich zwar den Hyperscaler (AWS, Azure, GCP) aus, der Vertragspartner bleibt jedoch SAP. Native Hyperscaler-Features (wie Azure NetApp Files oder AWS Nitro) werden von SAP abstrahiert und sind nicht in voller Bandbreite durch den Kunden individuell parametrierbar.
Fazit
RISE with SAP ist weit mehr als nur ein cleveres Marketing-Bundle oder ein neues Lizenzmodell. Es ist ein massiver architektonischer Shift. SAP positioniert sich hier nicht mehr nur als Softwarehersteller, sondern als vollumfänglicher Managed Service Provider der Infrastruktur.
Für Unternehmen bedeutet das: Die Zeiten, in denen Server-Sizing, SAN-Storage-Bereitstellung und Tape-Backups die IT-Abteilungen monatelang blockierten, sind endgültig vorbei. Die Private Cloud Edition (PCE) baut eine goldene Brücke für Legacy-Kunden, um die S/4HANA-Transformation sicher zu vollziehen. Für uns Senior-Architekten verlagert sich der Fokus nun drastisch: Weg von der Befehlszeile (su - <sid>adm) und den Storage-LUNs, hin zur Orchestrierung hybrider Integrationsszenarien auf der SAP BTP und der Durchsetzung des Clean-Core-Paradigmas. Wer diesen Paradigmenwechsel versteht und mitgeht, sichert das technologische Überleben seines Unternehmens im aktuellen Cloud-Jahrzehnt.